„Guck mal, wer da kräht!“– Botschaft aus dem Ei

Hühner unterhalten sich von klein auf – in zwanzig verschiedenen Sprachen!

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Was kann man von Federvieh erwarten, dessen Hirn gerade mal die Größe einer Walnuss hat? Breit gefächerte Fähigkeiten! Das fanden australische Wissenschaftler jetzt heraus. Wie schon Küken aus dem Ei heraus Signale senden, später als Hühner Hackordnungen etablieren, Feinden Fallen stellen oder Artgenossen warnen, rückt immer mehr in den Fokus der Verhaltensforschung. Von wegen „dummes Huhn“!

Professor Christopher Evans von der Macquarie Universität in Sydneysorgte unlängst in der Fachpresse für eine kleine Sensation: Ähnlich wie Primaten – z. B. Affen – informierten Hühner ihre Artgenossen über Futterstellen. Dafür wählten sie ja nach Futterart bis zu 20 verschiedene Töne, eröffnete der australische Forscher in den „Biology Letters“, einem Fachjournal für Tierverhaltensforschung.
So würden sie bei Mais anders gackern als bei ihrem normalen Fressen. Dies sei der erste Nachweis inhaltlicher Unterhaltung bei Nicht-Primaten. Evans forschte weiter, streute 17 Hühnern Futter vor den Schnabel, zeichnete ihr Gackern auf und spielte es ihren Artgenossen vor. Diese werteten die Botschaft prompt aus: Hörten sie das Gackern aus dem Lautsprecher, begannen sie zu scharren und selbst nach Körnern zu suchen.

„Es gibt Mais!“ – Hühner unterhalten sich sinnbringend.

„Es gibt Mais!“ – Hühner unterhalten sich sinnbringend.

Damit nicht genug: Hühner seien sogar intelligenter als Kleinkinder. Das fanden seine Studenten im Rahmen weiterer Laborversuche heraus. Das verblüffende Ergebnis: Die Vögel sind in der Lage, zu schlussfolgern, dass versteckte Gegenstände keineswegs verschwunden, sondern nur außer Sicht sind. Kleinkinder erfassen solche Zusammenhänge noch nicht. Wie vorausschauend Hühner taktieren, zeigt ein anderer Versuch: Dient es einem höheren Zweck, können sie bewusst Maß halten: Wurde z. B. eine Futterbelohnung erhöht, wenn sich die Vögel zuvor bei der Nahrungsaufnahme zurückhielten, entschieden sich 90 Prozent der Hühner für kurzzeitigen Verzicht, um eine halbe Minute später den „Jackpot“ knacken zu können. Ein planvolles Vorgehen, das den Tieren Weitsicht abverlangt: „Picke ich zu früh und zu gierig drauf los, fällt die spätere Ration knapper aus.“ Somit können Hühner sogar logisch denken, in die Zukunft blicken und Strategien entwerfen, ihren späteren Gewinn zu maximieren. Und es kommt noch besser…

Schadenfrohes Gegacker

Wer als Hühnerhalter schon einmal einen Gockel einfangen wollte und dann die Verfolgung aufgeben musste oder gar stolperte, weil dieser überraschend einen Haken schlug, kennt das Phänomen. Oft bringt sich der Hahn nicht einfach in Sicherheit, sondern hält aussicherer Distanz inne, um sich umzuwenden. Dann kostet er seinen Triumph aus – in Form von lauthalsem „Ga-ga gaak-ga-ga-gaak“: Es hört sich fast so an, als würde sich der Vogel kaputtlachen.

„Ätsch, du Tölpel!“ – Hühner empfinden Schadenfreude

„Ätsch, du Tölpel!“ – Hühner empfinden Schadenfreude

Was wie ein naiver Versuch klingt, Tiere zu „anthropomorphisieren“ – sprich: zu vermenschlichen –, wird zunehmend plausibler. Kognitionspsychologen bestätigen: Jedes Huhn verfügt über eine mehr oder weniger ausgeprägte Persönlichkeit. Manche sind besonders vorwitzig, einige eher schüchtern, andere wiederum tollkühne Draufgänger. Unter ihren Versuchsobjekten befanden sich auch musikalische Hühner oder so genannte „Menschenfreunde“, welche anhänglich die Nähe der Besitzer suchen und ihnen auch schonmal morgens eine Stulle hinter der Zeitung weg klauten.
Die britische Vogelkundlerin Joanne Edgar sowie die Biologin Dr. Joy Mench von der University of California bescheinigen Hühnern zudem ein ausgeprägtes Sozialverhalten. Dass ihre Pickordnung der sozialen Rangfolgedient, ist bekannt. Dass Hühner jedoch andere Hühner erkennen,zuordnen und sich auch später noch an sie erinnern können, ist neu.

Haben Hühner Gefühle?

Über 30 verschiedene Verständigungslaute helfen ihnen, ihre Artgenossen voneinander zu unterscheiden. Emotionen wie Eifersucht treten bei Hennen, die um einen Hahn konkurrieren, ebenfalls zutage: Erhält die Hühnerherde Zuwachs durch ausgewachsene Hennen, die den Gockel gar mit einem besonders fleischigen Kamm als Fruchtbarkeitssignal beeindrucken, sind Missgunst und Zank an der Tagesordnung. Manche Hennen stellen vor Liebeskummer vorübergehend das Eierlegen ein.

„Was will die denn hier?“ – Hennen mustern Neuzugänge ab

„Was will die denn hier?“ – Hennen mustern Neuzugänge ab

Fakt ist: Nie standen die Chancen besser, das walnussgroße Hirn des Gallus domesticus (so der lateinische Gattungsname) zu durchleuchten – mit allen Mitteln des technologischen Zeitalters …

Cyber-Flirt mit virtuellen Gockeln

So schufen Verhaltensbiologen mit Hilfe von Lautsprechern und Bildschirmen eine virtuelle Umgebung, die bestimmte Situationen simulierte: einen heranschleichenden Fuchs oder einen Raubvogel am Himmel. Sogar dreidimensional erscheinende Hähne wurden generiert,mit denen die Hennen dann computergesteuert flirten konnten, sobald sie durch eine Klappe in die Vorführkammer gelassen wurden. Eines der Hühner verschaffte sich selbst Einlass und damit einen verdienten Wettbewerbsvorteil. Auch Warnrufe qualifizieren sich durch „funktionelle Referenzialität“: Die Lautäußerung wird an das Publikum angepasst und vermitteltvariantenreiche Infos über die Gefahr. Woher kommt sie, worin besteht sie? Die Reaktion der Gewarnten erfolgt dabei keineswegs Instinkt gebunden, sondern wohlkalkuliert, wie es die Lage gebietet.

Lügenbold – Gockel täuschen Hennen mit Futterrufen

Lügenbold – Gockel täuschen Hennen mit Futterrufen

Kreiste ein Habicht über dem Hof, flüchteten sie unter den Baum oder inden Stall. Lauerte die Gefahr jedoch am Boden, bot der Stall keinen Schutzmehr. Die Tiere realisierten, dass er zu einer Falle werden könnte – zumal sie das Fallenstellen auch selbst recht gut beherrschen…

Vorteilsnahme – Hähne sind Hochstapler

An leeren Stellen täuschen sie durch spezifische Lockrufe Futter vor, obwohl sie gar nichts zu bieten haben. Läuft die Henne dann arglos vorbei, kommt es zur Kopulation. Einmal durch einen zudringlichen Gockelenttäuscht, beäugt die weibliche Stall-Belegschaft den Hochstapler fortan mit Argwohn: Der „Lügner“ verliert an Status, seine Chancen sinken. Beim Paarungsverhalten ist das Aussehen der weiblichen Tiere durchausvon Bedeutung. Je auffälliger der Kamm der Hennen, desto größer die Präferenz. Dafür leben unscheinbare Hennen weniger gefährlich: Der kleine Kamm macht sie weniger sichtbar für Raubvögel, auch sexuelle Belästigungen durch Gockel sind seltener. Ornithologen charakterisieren Hühner oft als „listig“ und „verschlagen“. „Feige“ trifft mitunter auch zu. So stoßen Hähne erst dann einen Warnruf aus, wenn sie sich selbst längst in Sicherheit gebracht haben und ein anderer Hahn der Gefahr ins Auge sehen muss.

Geplauder aus dem Ei

Auch Bewunderung ist dem Federvieh wichtig, wie unsere regionalen Erzeuger bisweilen berichten: Zwängt sich eine der prächtigen Hennen aus dem Nistkasten, wird erst mal aufgeregt gegackert. Ihre Botschaft: „Ich habe gerade ein Ei gelegt und alle Welt soll es wissen!“

„Kuckuck!“ – die Kommunikation der Küken

„Kuckuck!“ – die Kommunikation der Küken

Ist ein Ei bebrütet, ertönt aus dem Inneren oft ein dünnes Piepsen: die ersten Lebenssignale des noch nicht geschlüpften Kükens, welche von der Henne differenziert beantwortet werden. „Gluckgluck“ steht nach Ansicht von Hühner-Horchern für Fühlungsaufnahme, „Tucketucktuck“ für ein Locken zum Futter und „Orrrorrr“ soll das Küken beruhigen.
Nicht nur der erste Nachweis auf inhaltliche Unterhaltung bei Nicht-Primaten, auch andere Eigentümlichkeiten des Federviehs beschäftigen die Wissenschaft seit jeher. Durch seitlich am Kopf liegende Augen blickt es zwar mit 340-Grad-Radius, kann jedoch schnelle Bewegungen nicht ausgleichen und sieht daher etwas unscharf. Deshalb hat die notorische Nickbewegung eine biologische Funktion: Sie sorgt auf der Netzhaut des Huhns für ein stabiles Bild der Umgebung. Denn diese bietet viele Zerstreuungen: Man trifft sich am Tümpel, flüchtet gemeinsam vor einem brünftigen Gockel oder unternimmt eine Exkursionins Umland. Passieren tut auf so einem Hühnerhof immer etwas – vorausgesetzt, es ist genügend Auslauf vorhanden.

Für ein gutes Umweltgewissen

Spätestens seit dem Käfigverbot für Legehennen dürfte selbst Profit orientierten Ökonomen und Landwirten klar sein, dass Hühner ein Recht auf artgerechte Haltung haben. Sie sind mindestens so intelligent wie Mieze oder Bello, schließen Freundschaften, umsorgen ihre Kinder und haben sich stets viel zu erzählen. Wer sicherstellen will, dass seine Eier von freilaufenden Hühnern gelegt wurden, kauft am besten beim Bauern seines Vertrauens ein. Oder in unseren Märkten: Wir bevorzugen regionale Erzeuger, die Rücksicht auf die Bedürfnisse von Nutztieren nehmen. Einen Großteil der Eier beziehen wir deshalb aus Bauernläden wie dem Schlosshof Eller. Bodenhaltung ist hier Teil der Unternehmensphilosophie. Über einen Monitor im Hofladen kann man sich von der artgerechten Haltung überzeugen, dem Hühnervolk beim Schwätzchen zusehen und dann versuchen, seine vieldeutigen Botschaften zu entschlüsseln.

Zurheide Feine Kost wünscht Ihnen und Ihren Lieben frohe Ostern! 🙂

Von: Dr. Claudia Roosen

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