Die kleinsten Kicker des RWO

„Wir gehen auf Titeljagd!“ Nachwuchstrainer Marcus Autret über Talente, Taktiken und die neue Spielfreude der Rot-Weißen

Kaum ein Bereich wird im Profi-Fußball so abgeschirmt wie die Taktikarbeit der Nachwuchstrainer. Gemeinsam mit Chef-Trainer Marcus Autret durften wir einen Blick riskieren: auf den Hightech-Bolzplatz des RWO Nachwuchsleistungszentrums – belegt mit Physiotherapeuten, Video-Analysten, Athletik- und Torwarttrainern; mit bis zu 20 % gedämpften Kunstrasenplätzen und Leistungsdiagnostik mittels interaktiver Boards. Doch auch wenn Tore nicht mehr nur aus weißen Holzbalken bestehen, die Träume der Jungen sind dieselben: „Diesmal holen wir uns den Stern!“

Zurheide: Herr Autret, Sie zählen zu den erfahrensten Trainern des Ruhrgebiets. Woran erkennen Sie, dass ein Junge Potenzial besitzt?

Autret: Oh, dankeee! Wie sich ein Kind entwickelt, kann man in dieser Altersklasse noch nicht exakt vorhersehen. Beim Sichtungstraining sollte der Junge jedoch technisch gut am Ball sein. Auch Lauf-Koordination und Zweikampfverhalten sollten schon gute Ansätze erkennen lassen, für den Rest sind wir da. Erreicht dann ein Spieler früh eine Selbstständigkeit auf dem Platz, denkt man als Trainer: „Das könnte einer werden!

Zurheide: In Ihrem Team befinden sich Diagnostik-Profis und erfolgreiche Torwart-Trainer wie Hasan Kara. Werden die kleinen Talente denn wie früher direkt vom Bolzplatz geholt?

Autret: Freie Bolzplätze gibt es kaum noch, das läuft alles über Vereine. Die Scouting-Abteilung schickt uns die Jungs. Früher haben wir auf der Wiese gezockt und sind durch die Bäume geklettert. Heute fehlt den Kindern dieser Erfahrungswert und damit oft die Koordination. Solche Fähigkeiten werden dann besonders gefördert.

Zurheide: Ihr Sohn Jannik tritt gerade in große Fußstapfen, als Co-Kindertrainer mit C-Lizenz und wichtiger Mitbeobachter …

Autret: Jannik ist sehr weit für sein junges Alter, ganz der Vater. Und bereits direkt eingebunden: Es geht gerade in Richtung B-Lizenz. Er ist auch selbst ein auffallender Spielertyp und wurde schon von Duisburg und Schalke angefragt. Dort hat es ihm jedoch nicht so gefallen. Er hat dann den Wechsel nicht gemacht.

RWO
Reviercup im Fokus – Erfolgs-Team Autret, Torwart-Coach Hasan Kara

Zurheide: Weil das Individuelle in großen Vereinen oft auf der Strecke bleibt?

Autret: Jeder Verein hat sein eigenes Konzept. Aber das sind schon andere Welten: Wer nicht sofort funktioniert, kann gehen. Du fühlst dich dabei wie eine Nummer.

Zurheide: Auch bei Ihnen verändert sich das Kaderbild oft, beispielsweise durch frühe Übernahmen. Schwingt da nicht manchmal ein Bedauern mit?

Autret: Wenn was richtig Großes kommt, springen natürlich viele sofort darauf an. Ich freue mich jedes Mal riesig für die Jungs, dass sie diesen Sprung nehmen. Wobei man aber auch sagen muss: Für den einen oder anderen ist dann der Wechsel zu früh.

Zurheide: Gibt es in Ihrer Mannschaft Kinder, die schon heute an Gideon Jung, Max Meyer oder Felix Passlack erinnern, welche aus Ihrer Oberhausener Talentschmiede hervorgegangen sind?


Ansturm auf die Spitze: Die U-Neuner zeigen Spielfeuer

Autret: Die Spieler Passlack, Meier und Jung haben bei uns die Chance bekommen sich zu entwickeln. Das spricht für unsere gute Jugendarbeit. Feste Rollen wie „Torwart“, „Stürmer“ oder „Abwehrspieler“ prägen sich dann erst später aus.

Zurheide: Kommt es eigentlich nur aufs Toreschießen an? Wer das Spiel ballsicher mit aufbaut, ist ja nicht immer auch der, welcher dann am Ende den Knipser vor dem Kasten landet …

Autret: Wie viele Tore jemand schießt, ist zunächst mal zweitrangig. Was jemand für die Mannschaft tut, ist viel wichtiger. Diese Torfixierung entsteht leicht durch vorherige Trainer und Eltern, so werden die Kids schon in jungen Jahren versaut. Die setzen ihnen einen Floh ins Ohr: „Du konzentrierst dich ganz aufs Tore schießen, sonst nix.“

Zurheide: Es kommt also auch auf Spielintelligenz an?

Autret: Klasse, wenn ein Kind schon Spielintelligenz besitzt. Das ist aber nicht die Regel. Die Kleinen vergessen viel, es gibt oft Unterbrechungen. Alles muss kontinuierlich wiederholt und eingeübt werden.

Zurheide: Hat denn jede Spielidee ihre Berechtigung?

Autret: Da greifen wir auch schon mal ordnend oder korrigierend ein. Rennen und kämpfen kann jeder, aber auch umsetzen, was er gelernt hat? Der Reviercup ist dabei das Maß aller Dinge. Wie neulich das 4:2 gegen Dortmund: So was macht dann schon ein wenig stolz.

Zurheide: Wie motivieren Sie die Mannschaft bei Negativ-Erlebnissen während des Spiels?


„Hervorragende Aufbauarbeit!“ – Hasan Kara, Jannik Autret

Autret: Bestes Beispiel: unser Revier-Derby gegen VFL Bochum. Zwei Drittel Spielzeit war abgelaufen, wir drohten mit 6:1 krass hoch zu verlieren. Da habe ich die Motivation gezielt gepusht: „Jungs, immer nur rum stehen geht gar nicht. Die anderen sind genauso alt wie ihr. Ihr packt das noch!“ Plötzlich holten sie auf und es gab noch ein 7:6. Und das gegen den Tabellenzweiten! Zitat von jemandem aus dem Bochumer Trainerstab: „Zwei Minuten länger und wir hätten das Spiel noch verloren.“ Das macht mächtig stolz. Geile Truppe, sorry!

Zurheide: Und wenn ein Junge auf dem Platz zu oft versagt?

Autret: Dann führen wir mit den Eltern ein Perspektivgespräch: Ist ein kleiner Verein momentan vielleicht besser? Manche kommen ein Jahr später wieder. Die nehme ich dann gern wieder auf.

Zurheide: Vertikalspiel, Tempowechsel, Tiefgang und Schnittstellenpässe: Video-Analysen zeigen, dass sich solche Momente mit Kindern nur bedingt vorbereiten lassen …

Autret: Manchmal erfordert es eine Menge Geduld und Training, bis es beim Spieler Klick macht. Doch dafür sind wir als Leistungszentrum da. Das ist unser Ding. Und das ziehen wir durch.

Zurheide: Sein Leistungsdenken hat dem RWO den Spitznamen „Malocherschule“ eingetragen. Fehler werden jedoch verziehen, solange der Spieler alles gibt. Wie reagieren Sie, wenn einer der Jungs das Training schleifen lässt?

Autret: Die Jungs laufen das ganze Jahr durch. Wer dann mal ein Loch hat, den nehme ich beiseite und spreche das in aller Ruhe mit ihm durch. Die Trainingsbeteiligung ist aber sehr gut, unentschuldigt oder ohne Attest fehlt keiner. Die Schule geht natürlich vor. Auch Kindergeburtstagseinladungen sind wichtig. Da sollen sie unbedingt hingehen! Bei 3 bis 4 Trainings die Woche kommen Sozialkontakte oft zu kurz.

Zurheide: Ihre Mannschaft ist vom DFB zertifiziert und im Reviercup beheimatet. Unter den Gegnern: Schalke, Gladbach, Köln, Leverkusen und Dortmund. Wie gehen kleine Jungs mit diesem Erfolgsdruck um?

Autret: Den meisten Druck machen die Eltern. Fast so, als würden sie selbst auf dem Platz stehen. Das spüren die Jungs und haben dann gegen Köln oder Dortmund schwere Beine. Hier wünsche ich mir, dass man ihnen mehr Raum für ein eigenes Spiel lässt. Kinder geben immer 100 Prozent. Siegen unter Druck und ohne Freude wird spätestens in wenigen Jahren dafür sorgen, dass sie dem Fußball den Rücken zukehren.

Zurheide: Baut sich bei den Reservespielern manchmal Frustration auf? Anders gefragt: Sind Stammspieler leichter zu führen?

Autret: Wörter wie „Reserve- oder Stammspieler“ verwenden wir gar nicht. Jeder gehört zum Team. Vor der Startaufstellung beobachten wir natürlich, wie sich ein Junge beim Training gibt. Wenn ich jemanden da reinbringe, erwarte ich natürlich, dass da auch was kommt.

Zurheide: Sind Ihre Leistungsträger nicht auch spannend für andere Ausbilder, wird schon mal versucht, sie abzuwerben?

Autret: Ein Fall hat mich neulich tierisch geärgert. Da wurde ein Kind draußen abgefangen und unter Druck gesetzt, seine Telefonnummer rauszugeben. Ich musste den Mann, Trainer von einem anderen Nachwuchs-Leistungszentrum, dann regelrecht wegjagen. Die geben aber nicht auf, versuchen es immer wieder. Aber unsere Jungs wissen, was sie an uns haben: Bisher hat uns noch keiner verlassen.

Zurheide: Ballbehandlung, Dribbling-Stil, Laufbereitschaft oder Tempo: Was ist für Sie schöner Fußball?

Autret: Wenn die Kleinen umsetzen können, was sie während des Trainings gelernt haben und das nicht so´n Rumgegurke wird, bin ich schon zufrieden. Tore freuen natürlich auch. Bei den Profis liegt viel im taktischen Bereich. Umso mehr begeistert mich ein Spiel wie im Vorjahr, als Leicester City englischer Sensationsmeister wurde. Da war noch richtig Emotion drin, Leidenschaft, der Wahnsinn! Das ist einfach schöner als reiner Konzept-Fußball.

Zurheide: Die Profis von morgen spielen ja von klein auf in geordneten Systemen mit klaren Abläufen …

Autret: Unsere Mannschaften werden auf Vorgaben, sprich Spielsysteme, geschult. Die Jungs müssen mal in Köln, dann wieder in Dortmund oder Aachen spielen. Ich ziehe meinen Hut vor den Eltern, die das alles begleiten und managen. Ohne ihre Unterstützung würden wir das nicht schaffen.

Zurheide: Sie haben sogar schon gegen Rot-Weiß-Essen und Dortmund gewonnen. Das gab´s seit sieben Jahren nicht mehr, Respekt! Aktuell sind Ihre U-Neuner nur knapp am Aufstiegs-Patt mit dem VFL Bochum vorbeigeschrammt. Peu à peu arbeiten sich die Kicker-Küken an die Spitze des Reviercups heran. Wer weiß, vielleicht dominieren sie diese eines Tages sogar?

Autret: Die Wahrheit liegt immer auf dem Platz. Als Trainer halten wir deshalb lieber den Ball flach. Und tun das, was wir am besten können: die Kinder vernünftig ausbilden. Zum Schluss möchte ich mich ganz herzlich bei Zurheide für die tolle Unterstützung bei unserem Trainingslager bedanken. In diesem Sinne: RI-RA-RO – nur der RWOOOOOO!

Weiterführende Infos:
www.rwo-online.de/jugend/jugend/jugendleistungszentrum.html