„Hilfe, mein Kind ist Veganer!“

Mein Kind ist Veganer

„Mami, das ist doch kein echter Oktopus, oder?!“ – wenn Kinder plötzlich beschließen, Veganer zu werden

Würstchen wachsen nicht auf Bäumen, die Frikadelle war früher ein niedliches Kälbchen und der Tintenfisch hatte einen Kopf: Für sensible Kinder ist diese Erkenntnis oft ein Schock. Sie weigern sich fortan, Fleisch zu essen oder werden im Extremfall sogar Veganer. Ein ersatzloser Verzicht kann jedoch langfristig gefährliche Mangelerscheinungen bewirken, warnen Ärzte und Ernährungsmediziner. Für Eltern jedoch kein Grund zur Panik: Denn zwischen Mitgefühl mit Mitgeschöpfen und dem Verzicht auf wichtige Inhaltsstoffe wie Eiweiß, Eisen und Vitamin B12 führt ein Weg durch die goldene Mitte …

Ein kleiner Junge aus Portugal wurde über Nacht per Internet-Clip zum Helden der Vegan-Bewegung: Argwöhnisch beäugt Luiz die aufgetischten Tintenfischringe und wundert sich, was diese mit lebendigen Oktopussen zu tun haben, die doch eigentlich im Meer schwimmen müssten: „Wie gelangt der Tintenfisch auf den Teller? Warum wurde er einfach aus seinem Element gerissen? Schwimmt sein Kopf am Ende noch im Meer?“Als dem Kind allmählich klar wird, dass der Oktopus für das Gnocchi-Gericht sterben musste, beschließt es, nie wieder Tiere zu essen – und wird innerhalb kürzester Zeit weltweit zum Klick-Hit: Veganer sahen in ihm ein neues Leitbild, den symbolischen Beginn einer fleischlosen Zukunft für die Menschheit.

Nie wieder Leberwurst-Brot?

Während die Diskussion über Tierhaltung und Fleischkonsum weitergeht, ernährt sich jedoch bisher nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung vegan. Eltern hadern nach wie vor eher mit der kindlichen Abneigung gegen Gemüse und Salate, einer beharrlichen Rebellion gegen Frischkost zugunsten von Fertigkost: Hamburger, Fritten, Limonade, Süßigkeiten, Chips & Co.
Ob Mitleid mit Tieren, spontaner Widerwillen oder einfach nur der Wunsch nach Selbstbestimmung: Es gibt viele Gründe, warum sich Kinder und Jugendliche bewusst gegen Fleisch und Fisch entscheiden. Doch diese sind gleichfalls wichtige Nährstoffquellen: Bei Verzicht auf tierische Produkte fehlt oft ein wesentlicher Eisen- und Eiweißlieferant. Können kleine Vegetarier also gesund ohne Schinken, Schnitzel oder Hähnchenbrust aufwachsen?

„Igitt, Rosenkohl!“ – Aufstand der Pudding-Vegetarier

Fakt ist: Einfach nur auf Fleisch zu verzichten, dafür aber jede Menge Nudeln oder Pizza zu essen, kann langfristig zu Mangelerscheinungen führen. Auch nur noch Cola und Pommes zu verzehren, ist keine gute Idee. Wird gleichzeitig beharrlich auf Fleisch oder Wurst verzichtet, fehlt oft ein wesentlicher Eiweißlieferant. Damit ist die kindliche Versorgung mit Eisen, Jod und Zink nicht mehr gewährleistet.
So reicht selbst eine hohe Aufnahme von pflanzlichem Eisen vielfach zur Bedarfsdeckung nicht aus. Es sei denn, die Ernährung wird regelmäßig mit Milchprodukten und Eiern ergänzt. Wie also gehen Eltern am besten mit der Entscheidung ihrer Sprösslinge um?
Zunächst einmal gilt es den Beschluss des Kindes zu akzeptieren, raten Pädagogen: sich vielleicht sogar gemeinsam mit der ganzen Familie über den neuen Veggie-Trend zu informieren. Dieser lässt sich spielerisch in den täglichen Speiseplan einbeziehen: So gelingen Kuchen auch ohne Milch oder Ei und selbst für glutenhaltiges Weizenmehl gibt’ s längst schmackhafte Alternativen. Zum Ausgleich essen die kleinen Pflanzenköstler meistens mehr Gemüse und Getreideprodukte – idealer Weise auch Spinat, Erbsen, Fenchel, Mangold, Vollkorngetreide und Hülsenfrüchte.

O-Saft zur Mahlzeit verbessert die Eisenaufnahme

Die gute Nachricht zuerst: Studien zufolge leben Vegetarier sogar deutlich länger als Mischköstler oder Fleischfans. Allerdings fehlen noch eindeutige Ernährungsempfehlungen der DGE: Welche Pflanzen sollen von Kindern bevorzugt gegessen werden und in welchem Verhältnis?
Die Krux: Solange dazu keine aussagekräftigen Studien vorliegen, wird vorsichtshalber auch noch keine generelle Empfehlung ausgesprochen. Kinderernährung muss jedoch in jeder Wachstumsphase die speziellen Erfordernisse für Kalorienbedarf und Nährstoffversorgung erfüllen. Der Stoffwechsel von Kleinkindern kann zum Beispiel die vielen Ballaststoffe in der Pflanzenkost noch nicht richtig verarbeiten. Besonders faserreiches Gemüse wird dann oft vom Körper nicht ausgewertet. Außerdem haben Kinder im Wachstum einen hohen Nährstoffbedarf, der allein mit veganen Lebensmitteln nicht gut zu decken ist. Von strikt veganer Kost raten die meisten Ernährungsexperten deshalb ab.

Als Faustregel gilt: Fühlt sich das Kind gut, ist munter und fit, dann ist normalerweise auch alles in Ordnung. Falls die kindlichen Essgewohnheiten jedoch zunehmend einseitiger werden und Gewichtsverlust nach sich ziehen, ist Umdenken angezeigt. Als erstes sollte der Hausarzt über den veganen Ernährungsstil informiert werden. So kann er bei Blutuntersuchungen ein besonderes Augenmerk auf die Nährstoffversorgung richten und bei einem festgestellten Mangel kurzfristig Nahrungsergänzungsmittel verordnen. Damit das Wachstum der Kleinen nicht beeinträchtigt wird, sollten Eltern jetzt besonders auf eine abwechslungsreiche Ernährung achten sowie bestimmte Vitamine und Spurenelemente in die tägliche Kost einbeziehen.

Mein Kind ist Veganer
Je bunter desto besser: Ausgewogene Kost verhindert Vitaminmangel

Gehört Fleisch unbedingt auf den Teller?

In Pflanzenkost steckt viel Nahrhaftes und Gutes: Vitamine, Mineralstoffe, Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe; gesättigte Fette – Ursache vieler Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Übergewicht oder Bluthochdruck – hingegen fast gar nicht.
Andererseits sind für die körperliche und geistige Entwicklung von Kindern Vitamin B12, Eisen, Zink und Omega-3-Fettsäuren (z. B. in Fisch) unerlässlich. Während vegetarische Kost mit Milch und Eiern auch im Kindesalter kaum problematisch ist, wird eine rein vegane Ernährung von Experten als kritisch eingestuft: Pro Kilogramm Körpergewicht besteht bei Kindern ein erhöhter Bedarf an Eisen und Vitamin B12. Ein Defizit kann die kognitive Entwicklung beeinträchtigen.“
Veganer sind daher gut beraten, nicht einfach nur Fleisch und tierische Produkte wegzulassen, sondern die fehlenden Nährstoffe auch gezielt zu ersetzen: Kritisch bei Veganern ist beispielsweise die Zufuhr von Vitamin B12, das in ausreichender Dosis fast nur in Fleisch, Fisch und Meeresfrüchten vorkommt. Das Vitamin ist für die Zellteilung sowie für die Blutbildung und Funktion des Nervensystems essentiell.
Die DGE warnt deshalb nachdrücklich vor irreversiblen, neurologischen Störungen, einer verzögerten, körperlichen Entwicklung sowie veränderter Blutbildung, sofern der Vitamin-B12-Mangel nicht durch Nahrungsergänzungsmittel ausgeglichen wird.

Weniger kritisch ist die Eiweißzufuhr. Gute Eiweißquellen sind zum Beispiel die essentiellen Aminosäuren in Milchprodukten, Eiern, Hülsenfrüchten, Getreide und Nüssen. Sie gewährleisten den Aufbau von Muskelmasse, Enzymen, Hormonen und Antikörpern. Zwar hat Pflanzeneiweiß eine niedrigere biologische Wertigkeit als tierisches Eiweiß: Wer jedoch Getreide, Hülsenfrüchte, Nüsse oder pflanzliche Milchalternativen kombiniert, kann seinen Eiweißbedarf ausreichend decken. Proteinmangel kommt in Industrieländern praktisch nicht vor, auch nicht bei Veganern. Dafür ist auf eine ausreichende Aufnahme von Spurenelementen zu achten. Auch einzelne Gemüse, wie Fenchel und Feldsalat enthalten Eisen. Zwar ist pflanzliches Eisen weniger gut verwertbar als tierisches.
In Verbindung mit einem Vitamin-C-haltigen Saft kann es der Körper jedoch gut aufnehmen. Auch dem Spurenelement Zink fallen wichtige Aufgaben im Stoffwechsel und Immunsystem zu, im Zweifel sind diese durch entsprechende Präparate ersetzt werden.

Nicht einfach nur weglassen, sondern auch ersetzen

Fazit: Vegetarische Ernährung bei Kindern sollte bestens geplant und begleitet werden. Nur bei profunden Ernährungs-Kenntnissen ist es verantwortbar, Kinder rein vegan zu ernähren: auf der Basis eines außerordentlich ausgewogenen und bunten Speiseplans, der nicht nur Obst und Gemüse, sondern auch Nüsse, Samen und Getreide einschließt.
Oberste Pflicht ist hierbei die Ergänzung von Vitamin B12, das sonst fast nur in tierischen Produkten vorkommt. Mindestens bis zum Schuleintritt sollte deshalb ein Multinährstoffpräparat verabreicht werden, das neben Folsäure auch Eisen, Zink, Jod, Vitamin D enthält sowie das unerlässliche Vitamin B12, auch bekannt als Kobalamin. Während der Körper eines Erwachsenen dieses Nervenvitamin problemlos über Jahre hinweg zu speichern vermag, kann ein Mangel bei Kindern sehr früh zu Nervenschäden und Anämie führen: Es drohen irreparable Schäden, die oft zu spät von den Eltern bemerkt werden. Leiden Kleinkinder an Blutarmut, kann das zu Hirnblutungen, Atemnot und schweren, kognitiven Schäden führen.

Zuerst den Fleischer wählen, dann das Fleisch

Sollte man als Familie parallel weiter Fleisch essen oder dem kindlichen Beispiel folgen? Vielleicht liegt die Antwort darin, bewusster zu essen, lieber gelegentlich ein Stück aus artgerechter Tierhaltung auswählen als täglich Salami von Billiganbietern aufzutischen. Gute Metzger kann man fragen, wie die Wurst gemacht wurde und dann entscheiden, ob man sie kauft. Auch der traditionelle Sonntagsbraten erfüllt noch immer seinen Sinn. Zur Zeit unserer Großeltern gab´s ihn nur einmal in der Woche, und zwar am Sonntag. Was spricht dagegen, ihn ab und zu durch Tofu-Burger, Pilz-Risotto oder vegetarische Lasagne zu ersetzen? Eben! 

Weiterführende Links:

Detaillierte Tipps auch zum Thema „Kinderernährung“ erteilt der Vegetarier-Bund Deutschland:
vebu.de/

Beim Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung finden interessierte Eltern umfassende Informationen zum Thema Vegan:
www.ugb.de/

Spezielle Ernährungsinfos für Kinder sowie viele Fakten rund um Lebensmittel zur Verfügung vermittelt auch dieser Infodienst:
www.aid.de/inhalt/was-wir-essen-blog-70.php

Zurheide „on Top“: unsere Bio-Welt im Düsseldorfer Top-Magazin:
frischecenter-zurheide.de/top-magazin/

Weitere Quellen:
www.dge.de/ernaehrungspraxis/bevoelkerungsgruppen/kinder-jugendliche/
www.fke-do.de/
www.kindergesundheit-info.de/themen/ernaehrung/1-6-jahre/gesunde-kinderernaehrung/

Fotolizenzen:
photophonie – Fotolia.com
nuzza11 – Fotolia.com

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