„Paleo“ – ein Mammut auf dem Teller!

Sind wir Neandertaler in modernem Gewand, unsere wahre Natur nicht geschaffen, um mit Absätzen auf Asphalt zu trippeln? Allergien, Bluthochdruck, Rückenleiden, Übergewicht oder Diabetes nur die Folge einer Evolution, die uns noch nicht angepasst hat an das 21. Jahrhundert? Die Steinzeit steckt in uns, behaupten jetzt amerikanische Ernährungswissenschaftler. Was ist dran am neuen „Paleo“-Trend? Zurheide Feine Kost nimmt für euch die Fährte auf – und diese führt erst mal über den großen Teich hinweg, nach Utah, U.S.A. …

Dort zerrt ein rüstiger Mitsiebziger – Urkost-Guru Dr. Arthur De Vany – gerade ein erlegtes Mammut in seine Höhle. Es könnte auch ein Bison sein, das er mit Muskelkraft aus einer Fallgrube gehievt hat, symbolisch betrachtet. Denn bei der Jagd-Trophäe, die er wie Raubgut an einer dicken Kordel hinter sich her schleppt, handelt es sich in Wirklichkeit um seinen Geländewagen. Der selbst ernannte Urzeit-Mensch simuliert damit den täglichen Kraftaufwand eines Steinzeit- Menschen, bevor er wieder Kurs nimmt auf sein bestens ausgestattetes Hightech-Büro. Später geht’s erneut in die Prärie, mit Tempo-Wechsel, den Kampf- und Fluchtreaktionen der Neandertaler in freier Wildbahn nachempfunden. Die waren lebenswichtig, um Beute zu machen und vor allem – um nicht selbst zur Beute zu werden.

Faszination Fleisch-Schatzkammer: das Beste aus beiden Welten

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Sonderbar? Wunderbar!

Denn wer sagt denn, dass man die Segnungen der Zivilisation aufgeben muss, nur weil ein neuer Ernährungsweg eingeschlagen wird. Wie zum Beweis zieht der Kult-Blogger andächtig an seiner Zigarre. Sein Dasein gleicht einem lebenslangen Camping-Trip bei bester Kondition. Besiegt sind all die lästigen Zipperlein, die sonst das Seniorenleben beschwerlich gestalten.
Testosteronspiegel? Wie ein Zwanzigjähriger! Herz-Kreislauf- Werte? Vorbildlich, denen eines gesunden 35-Jährigen entsprechend. Vorbei auch die traurige Zeit, als eine Krebsdiagnose wie ein Damokles-Schwert über seinem Eheglück lastete. Dabei hätte man gesunde Lebensführung einfach von den Steinzeitmenschen abschauen können. So denkt er, so lebt er – und so schreibt er: der wachsenden Fangemeinde, die täglich zu seinem Online-Portal artdevanyonline.com pilgert.

Visionär oder verrückter Amerikaner?

Seriöse Ernährungswissenschaftler wie Dr. Steffan Lindeberg schließen sich an und liefern gute Argumente, den Verzehr von hochwertigen Fleisch- und Gemüseprodukten zu erhöhen und vor allem: den Getreide- und Milchkonsum einzuschränken. Doch wer will schon die Zivilisation gegen ein Höhlenleben eintauschen? Evolutionsmediziner Professor Detlev Ganten: „Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern ein Ergebnis der Artenvielfalt und ihrer Überlebensvorteile. Er ist keineswegs perfekt, geschweige denn geschaffen für das Junk- Food, das wir zum Teil konsumieren.“

Ohne Jagd keine Mahlzeit: Höhlenmalerei mit Beutetieren

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100 Jahre – ein Wimpernschlag für die Evolution

Der doppelstöckige Hamburger einer bekannten Fast-Food-Kette ist demnach nicht unbedingt die Lösung. Denn die Nahrung, auf die wir vor Millionen von Jahren noch optimiert waren, kann uns heute durchaus zum Verhängnis werden: War ein guter Futterverwerter damals begünstigt, um Hungersnöte zu überstehen, neigt er in der heutigen Überflussgesellschaft eher zu Übergewicht, Blutzucker und vielem mehr.
Weil es Ackerbau und Viehzucht erst seit ca. 9000 Jahren gibt und unser Stoffwechsel und Organismus seit Millionen von Jahren an naturbelassene Nahrung wie Fleisch, Eier, Nüsse, Obst und Gemüse gewöhnt ist, führt hoher Milchkonsum bei sensiblen Menschen zu Verdauungsbeschwerden. Früher liefen wir der Nahrung hinterher; heute ist es umgekehrt, das Essen verfolgt uns. Wie im Schlaraffenland fliegen uns die „gebratenen Tauben“ in den Mund, und der Bauchumfang wächst.

Das Erbe der Steinzeit

Also einfach mehr Fisch, Weidefleisch, Früchte, Wurzelgemüse wie Kohlrabi, Kartoffeln, Süßkartoffeln essen und gelegentlich um den Block joggen? Das wäre ja noch okay. Aber auf Kuchen oder frisch gebackene Croissants verzichten?
Paleo-Experte Felix Olschewski, Autor des Einstiegsbuches „Der Urgeschmack“ gibt Entwarnung: „Kuchen und Co. gönne ich mir natürlich auch. Aber der Akzent liegt auf hochwertigem Weidefleisch aus artgerechter Haltung sowie Obst, Nüssen und Gemüse.“
Kern des Ganzen sei doch eine natürliche Ernährung, arm an Konservierungsstoffen, arm an Geschmacksverstärkern – und natürlich: den Körper von Zeit zu Zeit fordern. Sein Fazit: Nicht jeder kann es sich leisten, nicht jeder möchte es sich leisten. ABER: Während die klassische Ernährungsumstellung oft nicht funktioniert, verzeichnet die Paleo-Diät überraschende und messbare Erfolge darin, Körperfett abzubauen – dauerhaft, ohne den gefürchteten Jo-Jo-Effekt.
Dazu ist sie noch praktikabel und einfach umsetzbar. Man muss nichts Besonderes einkaufen: keine Listen, kein Kalorienzählen, sondern ein einfaches Konzept fern von missionarischen Eiferern, deren Sendungsbewusstsein oft radikalen Verzicht beinhaltet.

Vorzugsweise Weidefleisch: „Paleo“ steht für Respekt vor der Natur

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Für den Neandertaler in uns

Was spricht also dagegen, ab und zu weniger Zucker zu essen oder ausnahmsweise einen Bogen um die Imbissbude zu schlagen? Um dann das Fast Food öfter mal gegen nährstoffhaltige, frische Lebensmittel einzutauschen.
Etwas schwieriger, räumt der Trendsetter ein, sei jedoch die Beschaffung hochwertiger Tierprodukte. Transparenz, Rückverfolgbarkeit und engmaschige Qualitätskontrollen seien wichtige Kriterien, gute Aufzuchtbedingungen bei artgerechter Haltung ebenfalls.
Da trifft es sich gut, dass bei Zurheide die Züchter noch persönlich bekannt sind. Auch die Haltung der Tiere. Und dass viele Eier aus regionalen Bauernhöfen stammen: ethisch und gesundheitlich unbedenklich, naturbasiert, keine Massenware.

Das „Paleo“-Prinzip – großartig oder eigenartig?

Aber ist ein rigoroser Milch- und Getreide-Verzicht wirklich notwendig? Der Begriff „Steinzeit-Ernährung“ suggeriert fälschlich, dass nur eine existiert hat. In 2 ½ Millionen von Jahren hat sich jedoch unser Essverhalten stark verändert: geografisch, regional und klimatisch bedingt. Nicht einmal der gründlichste Steinzeitforscher kann genau rekonstruieren, wie damals gegessen wurde. Zudem leben wir nicht mehr in der Steinzeit, unsere Umwelt hat sich radikal gewandelt. Wer sagt denn, dass unser Stoffwechsel und Verdauungstrakt sich innerhalb von 10000 Jahren nicht an Ackerbau und Viehzucht anpassen können? Bestes Beispiel ist die Laktose-Toleranz der meisten Menschen oder das so genannte „Amylase-Gen“, welches Stärke problemlos assimilieren kann. In einigen Gegenden der Welt sind Getreide und Milch zudem ein lebensnotwendiges Grundnahrungsmittel und damit Teil der Evolution.
Fakt ist: Kaum einer legt sich gern lebenslang so ein enges Korsett um, aber als gesundes Experiment taugt „Paleo“ allemal: mit nachweislich guten Resultaten, belegt durch zahlreiche Studien. Renommierte Forscher wie Boyd Eaton oder Loren Cordain oder der angesehene Ernährungswissenschaftler Nicolai Worm bestätigen seine gesundheitlichen Effekte auf eindrucksvolle Weise. Weil Ernährungsstile jedoch eine sehr individuelle – oft auch lustvoll spontane – Entscheidung sind, kann es hier kein Dogma für alle geben. Als Ansatz basiert die Steinzeit-Ernährung immerhin auf wissenschaftlichen Erkenntnissen in den Bereichen Evolution, Biologie, Archäologie und Medizin, im Gegensatz zu einer unüberschaubaren Zahl von Trends und Ernährungsplänen. Und: Auch wenn einige historisch begründete Erklärungen unzutreffend sind, funktioniert sie exzellent.

Supermarkt für „Jäger & Sammler“

Gemüse, Obst, Fisch und Fleisch aus artgerechter Aufzucht, Eier, Nüsse und immer weniger Konservierungsstoffe, Aromen, künstlichen Zusatzstoffe? Klingt doch verdächtig nach dem hochwertigen Warenangebot in unseren gut sortierten Zweigstellen – mit wenigen, aber wehmütig stimmenden Einschränkungen: Die hausgemachte Pasta fehlt, die französischen Croissants sowie die wunderbaren Törtchen unserer Zuckerbäcker. Für solche Genusserlebnisse reist man doch gern zurück in die Gegenwart. Später kann man ja immer noch sein Auto wie ein erlegtes Mammut nach Hause schleifen – nach dem Vorbild des unverwüstlichen Arthur De Vany … 😉

Von: Dr. Claudia Roosen

Weiterführende Links + Einstiegslektüre

Arthur de Vany: Die Steinzeit-Diät: So kriegen Sie Ihr Fett weg –natürlich fit, schlank und gesund wie vor 200.000 Jahren

Detlev Ganten: Die Steinzeit steckt uns in den Knochen: Gesundheit als Erbe der Evolution

Felix Olschewski: Urgeschmack Einstieg: Der Grundstein für müheloses Abnehmen, mehr Energie und genussvolles Essen

www.artdevanyonline.com
Bildnachweise:
Höhlenmalerei – ©berbmit – fotolia.com

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